Die Wahrheits über`s Freiberufler-Dasein

„Und was machen Sie beruflich?“

„Ich bin Freiberuflerin“ …. habe ich früher ganz entspannt gesagt – um zu erklären, warum ich unkompliziert am Vormittag einen Zahnarzttermin wahrnehmen kann.

Heute sage ich eher: „Ich bin selbständig.“

Die Reaktionen auf Wort Nr. 1sind sehr unterschiedlich. Die einen verbinden damit den hippen, braungebrannten Surfer, der zwischen zwei Wellen ein paar Wichtigkeiten durchs Netz schiebt und abends den Sonnenuntergang auf Bali zu genießen. Wieder andere den Tausendsassa, der Dienstagnachmittag auf dem Rückweg aus den Bergen ein oder zwei wichtige Deals einfädelt – voller Vorfreude aufs Monatsende, wenn dann große Summen scheinbar magisch von seinem Konto angezogen werden. Stop. Ausgeträumt. Aufwachen!
Zwei Dinge stimmten schon mal:

Ein Freiberufler ist selbständiger Unternehmer.

Und was ihn von anderen Unternehmern unterscheidet, klingt praktisch und verlockend: Er muss kein Gewerbe anmelden, sondern nur seine freiberufliche Tätigkeit. Das geht unkompliziert und bringt den Vorteil, dass er nicht bilanzierungspflichtig und das Finanzamt mit einer einfachen Einnahmen-Überschuss-Rechnung zufrieden ist. Ob er oder sie auch Mehrwertsteuer berechnet oder als Kleinunternehmer bis zur Umsatzgrenze von 17.500,00 € p.a eingestuft wird, hängt von der persönlichen Situation, Zielen und dem Rat eines Steuerberater ab.

Die Sache mit dem Tausendsassa kommt der Wahrheit ebenfalls ziemlich nahe.

Laut 18 EstG zeichnet sich ein Freiberufler dadurch aus, dass er eine künstlerische , unterrichtende, lehrende oder beratende Tätigkeit ausübt. Er prägt also durch seine Persönlichkeit und seine Arbeitsphilosophie, die er idealerweise gegenüber Kunden deutlich macht, ganz entscheidend seine Tätigkeit, seine Arbeitsergebnisse und sein Unternehmen. Ganz egal, ob er nun alleine auftritt oder im Team.

Ein Blick in die sogenannten Katalogberufe klärt im Einzelfall, ob das Finanzamt seine Meinung teilt. Und eine wahre Fundgrube an Informationen rund um das Freiberuflerdasein liefert das Institut für Freie Berufe, angeschlossen an die Universität in Nürnberg.

Korrigieren wir doch zunächst mal ein kleines Vorurteil, das ganz verheerende Auswirkungen auf die Lebensrealität haben kann:

„Toll, du arbeitest als FreiberuflerIn im Home Office. Dann bist du ja flexibel und hast auch kaum Kosten.“

Ja, das stimmt. Wenn gleich die Sache mit den Kosten sehr subjektiv anmutet.

Kostenkalkulation eines Freiberuflers

Wir arbeiten uns mal von innen nach außen vor – je nachdem, was bereits vorhanden ist oder angeschafft werden muss:

  • Einsatzfähiger Rechner, Laptop, Smartphone, Drucker.
  • Diverses Büromaterial
  • Website & Hosting
  • Virenschutz
  • Telekommunikation
  • Einstiegsmarketing (Logo, Visitenkarten, Flyer).
  • Kosten für Rechts- und Steuerberatung
  • Fahrtkosten, anteilige Kfz-Nutzung

Auch wer die meiste Zeit im Home Office verbringt, kann beim Kunden einen Schaden anrichten oder selbst daheim Stolperfallen bereithalten: Berufshaftpflicht -und evtl. Vermögensschadenversicherung.

Und falls doch der eine oder andere Termin mit Kunden oder Kollegen in persona lockt, dürfte man noch ein paar Euros für Co-Working, Spesen, o.ä. berücksichtigen.

Der Nachteil einer eher virtuellen Welt liegt darin, dass auch hier kommuniziert werden muss. Deshalb nicht vergessen die Kosten für diverse Netzwerke (Xing, etc.). Sämtliche Tools und Software sind meist nur in begrenztem Umfang kostenlos und schlagen gerne mit monatlich 5,00 bis 50,00 € zu Buche. Wer also seine virtuelle Konferenz oder sein Webinar nicht nach 30 Minuten beenden, oder seine Videos nicht mit hässlichen Wasserzeichen publizieren möchte, wird hier in die Tasche greifen müssen.

Einträge in Branchen, Berater- und Freelancer-Verzeichnisse muten in der kostenlosen Variante meist eher mager an und bringen nicht die notwendige Präsenz. Kosten pro Monat: 10,00 -30,00 €.

Schon gemerkt? Dafür, dass wir im Home Office „fast keine Kosten“ haben, liegen wir bereits jetzt deutlich im vierstelligen Bereich monatlich – eine Summe, die erst einmal in Form von Gewinn, also abzüglich Kosten, erwirtschaftet werden muss.

Dumm aber auch, dass möglicherweise noch kein Auto samt Steuern, Versicherung und Benzin eingeflossen ist, der Kühlschrank gähnt vor Leere, der nächste Urlaub noch in weitere Ferne ist – die neue Brille und eine defekte Waschmaschine leider nicht. Ein (junger) Single wird andere Lebenshaltungskosten haben, als ein Familienvater oder – mutter, die noch eine Immobilie abzuzahlen hat und ein Kind beim Studium unterstützen möchte.

Wo und auf welchem Niveau jeder leben muss oder möchte, ist eine höchst individuelle Angelegenheit.

Tatsache ist: Ein Angestellter schnappt gerne mal nach Luft, wenn er Rechnungen von Selbständigen sieht. Deshalb machen wir hier eine kurze Rückrechnung, die auch dem schlimmsten Zahlenmuffel sofort einleuchtet:

Stundensatz eines Freiberuflers kalkulieren.

Wir gehen davon aus, dass ein fiktiver, in einer deutschen Groß – oder Kleinstadt ansässiger Freiberufler monatlich einen Gewinn von 3.500 Euro zu Verfügung haben möchte. Wir sind uns einig, dass eine Existenz ohne ein Mindestmaß an Absicherung und Vorsorge nicht funktioniert und deshalb dazu addieren wir also rund 20 % Sozialversicherung, Urlaub und Krankenversicherung und nochmals ca. 20 % als „allgemeinen Risikoaufschlag“ – ein Puffer für die Widrigkeiten des Lebens sozusagen  🙂

Wir landen dann bei einem erforderlichen Monatsgewinn von rund 5.800,00 €, und einem Jahresgewinn von 70.000,00 €. Und damit besten – oder schlimmstenfalls einem erforderlichen Jahresumsatz von 140.000,00 €.

Wir sehen erst mal von der Bergtour und den Surfausflügen ab, arbeiten 5 Tage pro Woche und 52 Wochen pro Jahr. Damit landen wir bei 260 Arbeitstagen, ziehen 10 Feiertage ab und 30 Tage Urlaub (Hier können wir unsere Surftage und Bergtouren unbedingt mit kalkulieren, bei Bedarf gerne auch ausgiebiger – sie sollten nur im Gewinn enthalten sein! :-)) . Wir rechnen aber auch noch 5 Krankheitstage und 6 Tage Fortbildung dazu und gehen mal vorsichtig von 210 Tagen aus. Auch unser Tag hat 8 Stunden, deshalb kommen wir auf 1.680 Arbeitsstunden. Wir ziehen mindestens 25 % als unproduktiv ab – diese Zeit verbringen wir mit Recherchen, Verwaltung, Mittagessen mit Multiplikatoren, oder einfach Gesprächen mit dem Wellensittich. Um also in 1.260 produktiven Stunden den Umsatz von 140.000,00 zu erreichen müssen wir einen Netto-Stundensatz von 111,00 € erwirtschaften.

Für all diejenigen, die sich gerade von ihrer Schnapp-Atmung erholen: Dies sei nur als mentales Gerüst gedacht und Hilfe für jeden, der hier seine ganz individuelle Zahlen durchspielen möchte. Kluge Menschen haben jedenfalls mehrfach durchkalkuliert, dass ein Leben als Selbständiger nur funktioniert ab einem Stundensatz von mindestens 60,00 €.

Und diese Rechnung legen wir dann dem Angestellten vor, der sich gerade eben noch gewundert hatte.

Vielleicht ist die zentrale Frage dann auch nicht mehr: Soll ich Umsatzsteuer berechnen oder nicht?, sondern eher: Welche Tätigkeit sollte ich outsourcen oder delegieren, damit ich meine Arbeitszeit maximal gewinnbringend einsetzen kann?

Und damit käme die nächste Frage: Wie finden wir die Kunden, die so von unserer Leistungen übezeugt sind, dass sie unseren Stundensatz gerne akzeptieren. Das Zauberwort heißt: Zielgruppe.

Unsere Wunschkunden:
Eines vorab: Es ist unklug, seine Dienste für Gott und die Welt anzubieten. Und es ist unklug, jeden Auftrag anzunehmen, nur um den leeren Kühlschrank zu füllen.

Seien wir ehrlich: Es gibt nicht mehr viele Produkte oder Dienstleistungen, für die nicht in gleicher oder sehr ähnlicher Form Wettbewerber parat stehen. Wettbewerber, die schneller, klüger, besser, billiger sind.

Ein vernünftiger Gedanke also:

Die eigene Zielgruppe möglichst exakt definieren und das eigene Angebot entsprechend verpacken. So in etwa lässt sich das vielgerühmte Alleinstellungsmerkmal beschreiben. Der Grund ist so simpel wie betriebswirtschaftlich notwendig: Wer die Wünsche seiner Zielgruppe kennt, kann sein Angebot so gestalten, dass es nicht ohne weiteres mit der Konkurrenz verglichen werden kann. Dies führt zu einer besseren Präsenz am Markt und gibt die Möglichkeit, höhere Preise durchzusetzen und sein Angebot letztlich besser zu kommunizieren. Dann lautet auch im Zusammenhang mit Honorargestaltung die Frage nicht mehr primär: „Was gibt der Markt her?“ Sondern: Was ist MEIN Kunde bereit, zu bezahlen für den Mehrwert, den er erkennt?

Merke: Everybody`s darling ist everybody`s A. 🙂

Gerade für Freiberufler, die üblicherweise ihre Arbeitszeit kalkulieren, ist dieser Weg also eine gute Möglichkeit, den durch sie generierten Mehrwert zu formulieren und gar nicht erst das Hamsterrad der Billigarbeit zu betreten.

Wunschkunden finden.

Die eigene Zielgruppe und der persönlichen Wunschkunden zu definieren, ist bekanntermaßen gar nicht so einfach. Fernab der üblichen Fragen nach Alter, Wohnort, Vorlieben und Einkommen könnte man sich z.B. überlegen:

  • Welches Problem hat mein Kunde?
  • Wie sieht sein typischer Alltag aus?
  • Mit welchen Herausforderungen hat er zu kämpfen? (Zeitnot, Unkenntnis, technische Hürden)
  • Was würde ihm WIRKLICH seine Arbeit erleichtern?

Wer diese Fragen – vielleicht sogar mit Hilfe bestehender Kunden – beantworten kann, wird früher oder später sein Angebot entsprechend formulieren und selten(er) hören: „Das zahlt keiner.“ Oder : Das gibt der Markt nicht her.“

Auf welchem Weg man seine Wunschkunden findet, hängt natürlich vom eigenen Angebot und der Zielgruppe ab. Gerade für Freelancer sind natürlich diverse Portale und Auftragsbörsen verlockend. Eine bemerkenswert umfassende Sammlung findet sich im Blog des Greiner-Teams. Dabei nicht vergessen: Derlei Ausschreibungen sind eine feine Sache, aber naturgemäß eher weniger geeignet, langfristig lukrative Aufträge zu generieren, die in die oben genannte Kalkulation passen ….

Tatsache ist, dass die allermeisten Freiberufler sich nicht unbedingt wegen ihres Einkommens für die Selbständigkeit entschieden haben, sondern  eher wegen dem Wunsch nach Freiheit, nach selbstbestimmten Arbeiten, nach individueller Gestaltung des eigenen Arbeitsbereich und letztlich dem Wunsch, Entscheidungen selbst treffen und die Konsequenzen verantworten zu dürfen. Interessante Einblicke ins Freiberufer-Dasein gibt es auch im Freiberufler-Blog.

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