Der Übersetzer – das unbekannte Wesen?

Der Übersetzer – das unbekannte Wesen?

Immer wieder hört man in diversen Talk-Runden eines der deutschen „Pfui-Wörter“: Digitalisierung.

Berufsgruppen, die scheinbar das Nachsehen haben, sind u.a. Autoschrauber und Pflegekräfte: Der Computer übernimmt lächelnd das Kommando in der bösen Welt!

Und ich stelle verwundert fest: Gelegentlich wird in diesem Zusammenhang auch der Übersetzer genannt.

Ja, klar. Übersetzer sollten eigentlich schon längst ausgestorben sein. Viele assoziieren mit diesem Beruf bessere Schreibkräfte, und vor allem die Technik-Cracks haben mich schon vor vielen Jahren verschämt gefragt,  ob es denn „für sowas wirklich eine Ausbildung gäbe“ – in Zeiten von Übersetzungsprogrammen.

Ja, die gab es und gibt es. Die meisten professionellen Übersetzer haben viele Jahre an renommierten Universitäten verbracht, sich auf ein oder zwei Fachgebiete konzentriert, und sind genau das, was man erwartet: Spezialisten.

Übersetzer sind schon vor vielen Jahren ausgestorben.

Den „Übersetzer“ gibt es nämlich schon lange nicht mehr. Wir sprechen von Simultan-, Flüster  – oder Konsekutivdolmetschern, von vereidigten, staatlich anerkannten Urkundenübersetzern, Lokalisierungsprofis, professionellen Sprechern und Voice-Over Spezialisten, Content und Copy Writern und kulturvermittelnden Unternehmensberatern. Wir sprechen von Experten ihres Fachs, die Mehrwert schaffen und täglich dazu beitragen, dass Firmen und Privatpersonen erfolgreich leben und (ver-)handeln können.

Ich habe jüngst keinen Rechtsanwalt gesprochen, der seine Verträge maschinell übersetzen lässt und vom Menschenhirn ungeprüft in Umlauf bringt. Keinen Steuerberater, und schon gar keine PR-Agentur. Das heißt aber schon lange nicht mehr „Übersetzen“ oder „Korrekturlesen“, sondern „Post Editing“. Geht (scheinbar) schneller, klingt besser und ist kostengünstiger,  funktioniert aber – im Gegensatz zum Schrauber oder Pflege-Roboter – nicht ansatzweise ohne Menschenhirn.

Ich kenne keine Marketing-Abteilung, die ernsthaft Erfolg beim Kunden haben möchte und ihr Werbematerial maschinell übersetzen lässt, auch – oder gerade wenn – es nur um eine Headline geht. Die entscheidet nämlich mit über Erfolg oder Misserfolg.

Was den Pflege-Roboter vom bilingualen Werbetexter unterscheidet:

Ersterer braucht noch viel Zeit zum Lernen, was der Mensch von Haus aus mitbringt, oder durch Ausbildung oder Talent bereits beherrscht: Empathie, Kreativität, die Fähigkeit zu konzeptioneller Arbeit und die Gabe, einzuschätzen, was bestimmte Zielgruppen brauchen, wünschen oder ihnen Erfolg bringt.  Die Fähigkeit, zu beurteilen, was wichtig und unwichtig ist. Dies gilt für den juristischen Fachübersetzer analog – auch wenn es hier nicht um Nuancen, sondern „nur“ um Notwendigkeiten geht.

Ich kenne noch kein Standesamt, das Ehen mit einem ausländischen Partner über Sprachcomputer schließen lässt – wenn doch, bitte unbedingt melden. Allein die Vorstellung scheint mir sehr lustig und wäre mir zeitnah einen Beitrag wert 😊

Mir ist niemand bekannt, der oder die ein Grundstück im Ausland erwerben oder eine Firma gründen konnte, ohne beglaubigte Übersetzungen von einem vereidigten Übersetzer vorzulegen.

Aber äußerst merkwürdig: Wohl wissend, dass derlei wichtige Transaktionen ohne unser Mitwirken praktisch unmöglich sind, werden einzelne Spezies unseres Berufsstands Meister nicht müde, sich gegenseitig zu unterbieten. Entbehrt das nicht den einfachsten Grundlagen von Unternehmertum? Einem Notar oder Anwalt passiert das eher selten. –

Ja, ich erinnere mich: Kammer, Berufsordnung, etc. Solche Kleinigkeiten vergisst man gerne in diesem Zusammenhang.

Was aber in anderen Berufen und anderen Branchen gilt, gilt auch, oder besonders, bei Sprachenprofis:

Wer nicht seine Nische findet, wird untergehen.

Und zwar schneller, als er eine Steuernummer beantragen kann.

Was mich nur täglich mehr wundert:

Der größte Teil der Übersetzer ist ja selbständig tätig. Wer nun als potenzieller Kunde eine ahnungslose Google-Suche startet, nach „Übersetzungsbüros“, „beglaubigten Übersetzungen“ mit Standortbezug, „Übersetzung von Verträgen, Zeugnissen“ u.ä. Anliegen, findet nur noch selten freischaffende Profis mit einer eigenen, aussagekräftigen Webpräsenz. Stattdessen: Agenturen, die bundesweit sehr viel Geld in Google Ads investieren, um mit „> 100 Sprachen“, sämtlichen denkbaren Fachgebieten und Hunderten von „hochqualifizierten“, „kompetenten“, „großteils“ diplomierten Sprachenprofis zu werben. Sie sitzen an beliebten deutschen Business-Hotspots und werben mit „Angeboten binnen 30 Minuten“. Mit Online-Preisrechnern und Zeilenpreisen „ab 0,55 Euro“.

Und eine Frage stelle ich mir wieder. Und wieder. Und wieder. Und warte heute noch auf eine ehrliche Antwort:

Wer arbeitet eigentlich für diese Agenturen?

Das Ganze hat doch etwas vom guten alten Modern Talking-Phänomen: Sie waren mega-erfolgreich in den 80ern, aber angeblich hat niemand ihre Platten gekauft.

Wie ist das zu erklären? Verkäufe an Aliens? Wie groß ist deren Population?

Welchen Grund hat ein „professioneller“ Sprachmittler, bei einer Agentur anzuheuern, die schon im Netz wirbt mit Angeboten „ab 55 Cent“ – wohl wissend, dass ein Zeilenpreis unter 1,00 Euro für einen selbständigen Übersetzer finanzieller Selbstmord bedeutet, und ein Preis von unter 1,50 € zumindest den Steuerberater keinen Jubeltanz aufführen lässt?

Egal, für wen er arbeitet, muss der Übersetzer:

  • Anfragen beantworten
  • ein Angebot schreiben
  • grünes Licht zum Start einholen
  • Rückfragen stellen, die (fast) immer auftauchen
  • eine Rechnung stellen
  • und – nicht selten bei Agenturen: 30 bis 60 Tage auf seine Bezahlung warten

Klingt das attraktiv? In meinen Ohren nicht.

All das kann er auch direkt mit Endkunden abwickeln – und seine Zahlungsmodalitäten und Preisnachlässe so gestalten, wie es ihm zweckmäßig scheint.

Vielleicht bin ich selbst einfach noch nicht in der schönen neuen Welt angekommen, obwohl ich immer das Gegenteil behaupte?

Ich kennen jedenfalls keinen professionellen Kollegen, der ernsthaft von seiner Arbeit lebt, in (fast) ständiger Bereitschaft vor seinem Laptop sitzt und freudestrahlend aufspringt, wenn er über ein chices Portal zum Wortpreis von 10 Cent im anonymen Chat mit einem unbekannten Kunden einen Auftrag niederhacken darf – der ihm dann zu später Stunde einen Tagessatz von 150,00 € VOR Kosten und Steuern beschert.

Da muss man seine Toilettengänge schon zeitlich gut planen und ein recht bescheidenes Leben führen.

Und Bescheidenheit ist ein guter Übergang zum Lieblingsthema Preise.
Und sehr spannend sind auch die unterschiedlichen Preismodelle einzelner Agenturen – die ja ganz offensichtlich den unterschiedlichen Bedürfnissen unterschiedlicher Kunden und Aufträgen gerecht werden sollen.

„Budget-Übersetzungen“, die offenbar nicht „ganz so perfekt“ in der Ausführung sind, und vor allem dann geeignet, wenn das Werk nicht zur Veröffentlichung bestimmt ist, sondern nur „für den internen Gebrauch“ oder „zum Verständnis“.

Ich hätte da schon wieder eine Frage 🙂

Warum sollte ich als Auftraggeber, z.B. einen Zeilenpreis von 50 oder 70 Cent investieren in eine Übersetzung, deren Inhalt ich vermutlich sowieso nicht blind übernehmen kann, sondern nochmal intern bearbeiten (lassen) muss?

Ich würde ganz unkompliziert z.B. für 6,00 € monatlich einen Deepl-Account erwerben (20,00 € Professional Version) und dort eine begrenzte Anzahl Dokumente übersetzen lassen – mit Ergebnissen, die bereits mehrfach in der Presse hochgelobt wurden – über eine Plattform, die auch professionelle Übersetzer selbst nutzen, um Abläufe zu beschleunigen. Und die erwiesenermaßen bessere Resultate bringt als Google Translate.

Ehrlichkeit ist angesagt.

Es gibt in Deutschland sehr gute, professionelle Übersetzungsagenturen, die von Sprachenprofis gegründet wurden oder gemanagt werden, und jede Anstrengung unternehmen, Kunden & „Kollegen“, d.h. Subunternehmer, zufrieden zu stellen.

Die muss man aber angestrengt suchen, und sie sind – leider – für viele Kunden nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Wir erinnern uns dunkel:

Das simple Grundprinzip einer Agentur besteht im Allgemeinen darin, Dienstleistungen möglichst günstig einzukaufen, evtl. Kompetenzen zu bündeln, und idealerweise Projekte teu(ere)r weiterzu verkaufen. Wobei der Mittelteil nicht automatisch gegeben ist 😊

Was einen ahnungslosen Kunden zu Recht beeindrucken darf:

  • Festangestellte Mitarbeiter, die im Idealfall sogar persönlich vorgestellt werden
  • Nachvollziehbare, echte Referenzen oder Bewertungen
  • Zertifizierung nach einer offiziellen Norm
  • Mitgliedschaft in Verbänden
  • Einsatz moderner CAT-Tools

Dies alles ist nicht selbstverständlich, denn der einzige Asset, mit dem manche Agentur sich schmückt, ist ein schickes, kleines Büro an an einem strategisch günstigen Business-Center, einem ansprechenden Empfang und einem Telefon, das 24/7 besetzt ist. Und manch hoffnungsfroher (Privat-) Kunde, der mal eben schnell vorbeischaut, um Papiere abzugeben, z.B. für eine beglaubigte Übersetzung, erfährt dann ganz erstaunt, dass „unsere“ Übersetzer … ja gar nicht im Büro sind. Dass „unser Team“ doch deutlich kleiner ist, als vermutet. Und sie sehen anschließend überrascht, dass der Auftrag halt mal eben quer durch die Republik gereist ist – zu dem, der a) verfügbar und/oder b) am günstigsten war. Das funktioniert gut und tut der Jahresbilanz des Unternehmens gut; denn eine Firma, die bei allen erdenklichen Suchanfragen für sämtliche Sprachen und sämtliche Fachgebiete an vorderster Stelle mit Google-Anzeigen präsent ist, braucht ein sehr, sehr großes Budget. Das versichert meine Wenigkeit, die auch auf diese Weise wirbt – aber nur für eine Sprache – die, die ich selbst anbiete -, und eine eher kleine Anzahl verwandter Dienstleistungen.

Schön im Jahr 2019: Jeder Kunde kann und muss selbst entscheiden, was ihm wichtig ist, wenn er eine Übersetzung in Auftrag gibt; wo seine Prioritäten liegen und welche ungefähre Preisvorstellung er hat.

Der Vorteil bei Agenturen liegt natürlich in aller Regel bei folgenden Punkten:

  • Ständige Erreichbarkeit
  • Schnelle Reaktion auf Anfragen
  • Schnelle Durchführung auch umfangreicher, mehrsprachiger Projekte, da Aufträge an verschiedene Subunternehmer „verteilt“ werden
  • In aller Regel eine große Auswahl an Sprachkombinationen und Fachgebieten.
  • Im Krankheits- oder Zwischenfällen findet sich schneller Ersatz – in der Regel unbemerkt vom Kunden.

Andere denkbare Szenarien:

  • Gelegentliche (kleinere) Umfänge eines bestimmten Themas
  • Sehr spezifische Materie, gepaart mit Wunsch nach
  • stets gleichem Ansprechpartner
  • Eher selten kritische Deadlines
  • Quasi „Arbeit auf Zuruf“ in Form einer sehr intensiven Zusammenarbeit mit stets dem gleichen Dienstleister oder Team
  • Vertraulichkeit und sorgfältiger Umgang mit Daten oberste Prämisse

Man ahnt, dass in diesem Fall eine Agentur eher nicht die erste Wahl ist.

Ein Punkt, der mir im Zusammenhang mit Agenturen immer wieder auffällt, ist eine sehr simple Tatsache:

Was ist ein guter Übersetzer?

Ein guter, engagierter Übersetzer „übersetzt“ nicht nur von A nach B. Er denkt mit und versucht, Botschaften zu transportieren. Man könnte daher behaupten, dass ein wirklich guter Übersetzer ein eher unbequemer, aber nicht unangenehmer und meist nützlicher Zeitgenosse  ist: Weil er (fast) immer Fragen hat …..  In Zusammenarbeit mit einer Agentur sind Rückfragen natürlich auch notwendig, kosten aber Zeit und Mehraufwand. Denn der Kontakt zwischen Subunternehmer und Endkunden soll ja tunlichst vermieden werden. Deshalb wäre für mich als Agenturinhaber die Versuchung groß, nur mittelmäßige Kandidaten einzusetzen, die brav ihre Jobs abarbeiten und mir keinen nennenswerten Mehraufwand bereiten. Aber wer will rechtschaffenen Unternehmern solche Gedanken unterstellen? Ich bestimmt nicht.😊

Fazit:

  • Übersetzungsagenturen sind nicht per se die „Bösen“, die man meiden sollte wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt gute und schlechte, mit sehr unterschiedlichen Preis- und Abwicklungsmodellen. Und:  Zur Zusammenarbeit immer zwei.
  • Übersetzer sterben sicher nicht aus; im Gegenteil, der Bedarf wächst ständig – und ebenso die Vielschichtigkeit und Komplexität der Berufsbilder dieser Branche sowie die Notwendigkeit, sich fortzubilden und die eigenen Aktivitäten ständig dem Marktumfeld anzupassen.

Falls Zeit und Nervenkostüm, es erlauben, tut jeder Kunde gut daran, sich über seine Anforderungen klar zu werden und individuell zu entscheiden, wem er seine Texte anvertraut. Vielleicht muss es ja doch nicht immer „schnell und billig“ sein. Und vielleicht bringt ein Direktkontakt mit einem Dienstleister ja doch mehr Vor- als Nachteile, z.B. indem man mal eben eine alternative Rechnungsanschrift und einen etwas früheren Versand wünschen kann, ohne dafür einen Aufpreis von 50,00 € zu zahlen – weil die Buchhaltung das so vorgibt.

Und vielleicht möchte ja doch der eine oder andere Kollege nicht mehr als letztes Glied in der Lieferkette  smarte Startups unterstützen, sondern einfach mal die Ärmel hochkrempeln und mit einer halbwegs professionellen Website und ein paar simplen Marketing-Maßnahmen selbst präsent werden – während der Pflege-Roboter mit einprogrammiertem Lächeln die Suppe serviert.

P.S. Ich unterstütze gerne auch KollegInnen – sogar ganz besonders gerne.

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